Der Mistral: ein Turbolader für erfahrene Segler

Der Mistral: ein Turbolader für erfahrene Segler

Gemütliche Hotels, Windjacken und Sportgeräte tragen seinen Namen. Der Mistral steht für Romantik pur, die Gefahr und fantastisches Segeln.

Der Mistral ist ein starker kalter Wind, der aus Nordwesten über Frankreich weht. Er ist ein Wind voller Widersprüche — ein Freund für erfahrene Segler, aber ein Feind für diejenigen, die gerade erst anfangen. Ein Zerstörer von Ernten, und doch ein Schöpfer von fabelhaften Sonnentagen in der Provence. Welche Auswirkung kann er auf Ihren Segelurlaub haben?

Wie entsteht der Mistral?

Wie viele andere typisch mediterrane Winde ist auch der Mistral in erster Linie ein lokaler Wind, dessen Entstehung und Verlauf durch das spezifische Terrain und das lokale Klima beeinflusst wird. Er entsteht, wenn sich im Golf von Biskaya in Westfrankreich ein Hochdruckgebiet (Antizyklone), und um den Golf von Genua ein Tiefdruckgebiet (Zyklon) bildet. Die Antizyklone dehnt sich dann über Land aus, bis sie auf das Tiefdruckgebiet von Italien trifft. Aufgrund der Erdrotation (Coriolis-Effekt) drehen sich beide Systeme in entgegengesetzte Richtungen, und wenn sie über Frankreich zusammentreffen, entsteht eine kräftige Luftströmung, die über die Landschaft hinwegfegt, und mit voller Wucht in den Golf von Lion vor der Côte d'Azur bläst. 

 

Der Mistral tritt vor allem im Winter und im Frühjahr auf, hauptsächlich als Folge von Tiefdruckgebieten aus Italien. Rund um den Golf von Biskaya ist der Druck wegen der Nähe zum Tropengürtel und der ständigen Erwärmung der Luft durch die Sonne immer höher. Die Temperatur des Mittelmeers schwankt zwar nicht dramatisch über das Jahr, aber in den Bergen sinkt die Temperatur im Winter merklich. Dieser Temperaturunterschied ist die Ursache für die Entstehung des Tiefdruckgebiets, das zusammen mit dem atlantischen Hochdruckgebiet den Mistral bildet. Aber dieses Vorkommen ist nicht ungewöhnlich und findet überall auf der Welt vor statt. Was also unterscheidet den Mistral und was verleiht ihm eine so enorme Geschwindigkeit?

Der Leuchtturm von Mangiabarche, gegen den bei einem Sturm große Wellen schlagen.

Woher schöpft der Mistral seine Kraft? 

Der Mistral ist im Winter kalt und schwer, zusätzlich wird er von der Schwerkraft nach unten gedrückt. Da er immer noch Höhen von bis zu 300 m erreicht, nimmt er unterwegs kältere und schwerere Luft aus den Bergen und Hügeln Frankreichs auf, was ihn noch schwerer macht. Hier kommt auch das Terrain ins Spiel. Auf seinem Weg durchquert der Mistral Bergpässe und Flusstäler, die die Luft komprimieren, und die Reibung verringern.

 

Der Mistral kann problemlos Geschwindigkeiten von mehr als 65 km/h (entsprechend Windstärke 8) erreichen, wobei er im französischen Rhône-Tal seine Höchstgeschwindigkeit von etwa 180 km/h (Windstärke 12) erreicht. Das macht den Mistral zu einem so gefährlichen und zerstörerischen Wind, der Bäume umstürzen und Ernten vernichten kann, ganz im Gegensatz zu dem normalerweise ruhigen, wolkenlosen Wetter in der Provence.

Die Kraft des Mistral kann sogar Bäume fällen.

Kroatien hat lokale Mistral-Winde 

Überraschenderweise kann man auch in Kroatien lokale Mistral-Winde antreffen (vor allem an der südlichen Adria). Diese Winde unterscheiden sich jedoch deutlich vom französischen Mistral und werden durch den Temperaturunterschied zwischen Meer und Land verursacht. Diese Winde folgen dem Lauf der Sonne am Himmel und entstehen erst am Nachmittag, wenn sich das Wasser erwärmt hat. Da sie nicht so heftig, stark und zerstörerisch sind, und ihre Stärke allmählich zunimmt, bleibt genügend Zeit, einen sicheren Hafen zu finden.

 

Allerdings können diese Winde im Meer zwischen Hvar und Vis, oder Korčula und Lastovo, auch große Wellen verursachen, und in den Meerengen zwischen Zadar und Ugljan, Brac und Hvar, Korčula und Pelješac eine bösartige Geschwindigkeit erreichen. Auch diese lokalen Mistral-Winde treten häufig während der Hochsaison im Juli und August auf, was eine unangenehme Überraschung für Familien im Urlaub und unerfahrene Skipper sein kann. 

Der Mistralwind kommt nicht allein

Zum Mistral gesellt sich gelegentlich sein spanisches Gegenstück, die Tramontana. Sie verhält und bildet sich ähnlich wie der Mistral (weshalb sie manchmal verwechselt werden). Die Tramontana sammelt ihre Kräfte in Frankreich etwas weiter südlich im Korridor zwischen den Pyrenäen und dem französischen Zentralmassiv, sowie weiter nördlich in den italienischen Alpen. Bei der Überquerung des Mittelmeers können Sie auf einige der anderen berüchtigten Mittelmeerwinde treffen, oder zumindest auf ihre mildere lokalen Formen. Der Mistral selbst ist das nordwestliche Gegenstück zur kroatischen Bora. Beide sind extrem starke, kalte Fallwinde, die vom Spätherbst bis zum Frühjahr am stürmischsten sind. Die Bora hat jedoch die unangenehme Angewohnheit in Böen zu kommen, und kann Geschwindigkeiten von 250 km/h erreichen.


Karte der Winde, die durch das Mittelmeer strömen.

Karte der Winde, die durch das Mittelmeer strömen.

Der Mistral: toll zum Segeln, aber...

Für erfahrene Skipper kann ein Mistral von bis zu 4 oder 5 Grad auf der Beaufortskala eine freundliche Brise sein, die das Segelboot in einem zügigen, gleichmäßigen Tempo ohne unvorhersehbare Böen vorantreibt. Vor allem, wenn man mit Rückenwind oder auf Raumschotkurs in Richtung Süden, Südosten und möglicherweise sogar Osten segelt. Von Marseille aus dreht der Mistral unter dem Einfluss italienischer Wirbelstürme in Richtung St. Tropez und weiter nach Korsika und Sardinien.

 

Denken Sie jedoch daran, dass der Mistral im Laufe des Tages stärker wird, und seinen Höhepunkt am Nachmittag oder Abend erreicht, so dass er Sie bereits ein oder zwei Stunden nach dem Auslaufen überraschen kann. Wie jeder Wind ist auch der Mistral auf dem offenen Meer böiger und schneller, da es keine nennenswerte Reibung gibt, die ihn bremst. Selbst erfahrenen Seglern kann er unbequem werden, da er kurze Wellen erzeugt, die selbst mit Motor schwer zu segeln sind. Diese Wellen können eine Höhe von 5 bis 7 Metern erreichen, was Ihre Besatzung wahrscheinlich seekrank macht.

 

Nur große Kreuzfahrtschiffe können höhere Kräfte auf der Beaufort-Skala aushalten. Lassen Sie also besser Ihr Segelboot im Hafen und verbringen Sie lieber ein paar Tage an Land, um die lokale Kultur zu genießen. In den Wintermonaten ist es nicht empfehlenswert  gegen die Richtung des Mistrals zu segeln (auch wenn er noch nicht bläst). Die Reise wird anstrengender und länger, da Sie gegen den Mistral segeln, und das Boot möglicherweise nicht rechtzeitig zurückbringen können.

YACHTING.COM TIPP: Vorsorge ist immer die beste Verteidigung. Es ist besser, die eigenen Fähigkeiten und die der Crew zu unterschätzen, als sie zu überschätzen, und dann mit einem Sturm auf See konfrontiert zu werden  Vergessen Sie nicht, das MOB (Man Over Board)-Verfahren zu üben. Aus Erfahrung können wir sagen, dass es eine lustige und zugleich praktische Art ist, sich bei wenig Wind mit der Crew die Zeit zu vertreiben. Und eine ordentliche  Rettungsweste ist ein Muss.

Windsurfen an einem sonnigen Tag.

Kann der Mistral Ihren Urlaub gefährden? 

In der Hochsaison ist dies unwahrscheinlich. Die französischen Mistral-Winde wehen dann zwar, sind aber eher eine angenehme Brise, die Sie an schwülen Tagen erfrischt. Zwischen November und April ist das Risiko, Windstärken von mehr als 6 auf der Beaufort-Skala zu erleben, etwa 30 % höher. Im Sommer liegt es bei 18 %. Der Mistral dauert in der Regel nicht länger als 2 bis 3 Tage, und erstreckt sich selten über eine ganze Woche, so dass Sie einfach ein paar Tage im Hafen abwarten können, bis er vorbei ist. Leider werden Sie Ihre Freizeit wahrscheinlich nicht so sehr genießen können, denn der Wind wird Sie kompromisslos von den malerischen Straßen zurück zum Schiff oder in die nächste Kneipe treiben. Es sei denn, Sie schließen sich den einheimischen Windsurfern an, die immer ein Lächeln im Gesicht haben, wenn sie sehen, dass wir Segler unsere Boote im Hafen festmachen müssen. Wahrscheinlich müssen Sie Ihre Reiseroute anpassen und sich mit einer kürzeren Reise zufrieden geben. Bei einem schwächeren Mistral ist es vielleicht möglich, an der Küste entlang nach Spanien zu segeln, aber auch hier sollten Sie die Wettervorhersagen genau im Auge behalten, damit die Tramontana Sie nicht überrascht.

Seien Sie auf diverse Wetterlagen vorbereitet:

Wo kann man während des Mistrals segeln und ankern 

Da das Mittelmeer größtenteils von Gebirgen umgeben ist, wird man, wenn auch nicht auf den Mistral, auf den Scirocco (oder Jugo auf Kroatisch), die Bora oder einen anderen Wind stoßen. Es gibt also keinen Grund, sich den Zauber des Herbstsegelns vorzuenthalten. Man muss nur ehrlich sein, was die eigenen Fähigkeiten als Skipper angeht, und seinen Standort gut wählen. 

 

Anfängern und weniger erfahrenen Kapitänen würden wir nicht empfehlen während des französischen Mistrals überhaupt auf dem Wasser zu sein. Diese Winde machen selbst den erfahrensten Seebären einen Strich durch die Rechnung. In den Sommermonaten kann es dagegen schön sein, einen schwächeren Mistral im Rücken zu haben, wenn man um die wenig bekannte Insel Capraia oder die nahe gelegene Insel Elba segelt. Die Insel Elba bietet auf ihrer Website sogar Informationen über vor dem Mistral geschützte Strände. Auch die Vulkane Siziliens und die Äolischen Inseln sind einen Besuch wert. 

 

Fortgeschrittene Segler können den schwächeren Mistral als Turbo-Boost nutzen, um das ungezähmte und unverwechselbare Korsika, oder das karibisch anmutende Sardinien zu umschiffen. Der Begriff Turboboost ist hier durchaus angebracht, denn der westliche Mistral tut sich oft mit seinen Zeitgenossen, dem Poniente und dem Scirocco zusammen, um gemeinsam die Straße von Bonifacio zwischen den beiden Inseln zu kreuzen. Aber auch im Norden Sardiniens finden sich einige vor dem Mistral gut geschützte Ankerplätze, wie Porto Pollo oder der Yachthafen von Porto Pozzo. Auch der Süden Sardiniens verspricht wunderbares Segeln, und wir haben einen kompletten Artikel zum Thema mit Routen und Tipps für Ausflüge

YACHTING.COM TIPP: Üben Sie Hafenmanöver regelmäßig und von Anfang an, um sicherzustellen, dass jedes Crewmitglied genau weiß, was zu tun ist. Für das Ankern auf See lernen Sie diesen Trick um sicherzustellen, dass der Anker auch unter den schwierigsten Bedingungen sicher hält. Die so genannte Mittelmeer-Ankertechnik könnte ebenfalls nützlich sein. Sie können sie überall dort anwenden, wo Sie achterwärts an Land gehen müssen, und keine andere Möglichkeit haben, das Boot zu sichern.  

Raue See am Strand von Nonza, an der Küste Korsikas.

Kann der Mistral vorhergesagt werden?

Es gibt Warnzeichen, bevor der Mistral eintrifft, aber nicht lange im Voraus. Wenn Sie sich in Küstennähe befinden, reichen ein paar Stunden aus, um in einem sicheren Hafen einzulaufen. Auf dem offenen Meer müssen Sie jedoch abwarten. Behalten Sie die Vorhersage auf der Windy-App oder einer anderen App, die Sie verwenden, genau im Auge. Beobachten Sie auch das Verhalten der französischen Hochdruckgebiete und der italienischen Wirbelstürme auf den synoptischen Karten.

 

Da der Mistral auch die Menschen auf dem Festland betrifft, werden die Vorhersagen glücklicherweise von lokalen Radiosendern, Fernsehsendern und Online-Medien verbreitet. Entlang der Küste werden die Informationen auch über den UKW-Funk verbreitet, und zwar oft in englischer Sprache.

 

Es gibt auch Volksmeteorologie, die man verfolgen kann, indem man am Himmel nach linsenförmigen Wolken Ausschau hält — einer Wolke, die einer Linse oder einem UFO ähnelt. Diese sollte am Tag vor dem Eintreffen des Mistrals erscheinen. Der Sonnenuntergang verfärbt sich von golden zu rosa und dann zu grau mit roten Flecken. Es heißt, dass die Winde umso stärker werden, je schneller die Wolken grau werden. Nach Einbruch der Dunkelheit setzen die ersten Windböen ein, deren Abstände im Laufe der Nacht immer kürzer werden.

Wolken sagen böige Winde über einem Lavendelfeld in Frankreich voraus.

YACHTING.COM TIPP: Sobald der Mistral aufhört zu wehen, sollten Sie mit einem Wetterumschwung rechnen. Solange er weht, hat er genug Kraft, um die Wolken in respektvollem Abstand zu halten. Oft sieht man hinter Marseille eine Wolkentraube, die geduldig wartet und bereit zum Einbruch ist, wenn er vorbeizieht.

FAQ Was man über den Mistral wissen sollte

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